Das Kreuz ist wohl das bekannteste Wiedererkennungszeichen des Christentums. Wer ein Kreuz sieht, weiß in aller Regel sofort, worum es geht. Viele Menschen tragen ein Kreuz an eine Kette um den Hals, manche haben es sich auf den Rücken oder den Oberarm tätowieren lassen. Die meisten Menschen tragen das Kreuz als Zeichen ihrer Zugehörigkeit zur Kirche, zum Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus.
Es gibt aber auch andere Beweggründe. Ich komme gerne mit Menschen über ihre Tattoos ins Gespräch. Die wenigsten Menschen lassen sich einfach mal so tätowieren, sondern überlegen sich genau, was sie sich da in die Haut stechen lassen. Denn sie werden es ein Leben lang mit sich herumtragen. Und da kann man oft sehr spannende Geschichten hören. Es gibt Menschen, die tragen ein tätowiertes Kreuz als Ausdruck ihres Glaubens, weil sie gespürt haben, dass ihnen in einer Notsituation der Glaube geholfen hat, und so tragen sie das Kreuz als Zeichen der Erinnerung und Dankbarkeit. Mancher trägt es als Ausdruck der Auferstehung und manch einer, weil er darin das Zeichen des Todes sieht. Etwas Endgültiges, das unumkehrbar scheint, weil er daran erinnert werden möchte, dass sein Leben endlich ist. In Todesanzeigen steht Kreuz als Symbol der Endgültigkeit des irdischen Lebens verbunden mit dem Glauben an die Auferstehung.
Und wie ist das nun mit dem Altarkreuz? Warum steht auf dem Altar ein Kreuz? Müsste da nicht eigentlich eher immer Kelch und Brot stehen als Erinnerung an das letzte Abendmahl?
Dazu muss man sich vielleicht einmal die Geschichte des Kreuzes im Gottesdienst oder genauer in der Heiligen Messe anschauen. Denn die Geschichte des Altarkreuzes ist ja älter als die Geschichte der Evangelischen Kirche. Bei der Feier der Heiligen Messe muss das Kreuz, präziser das Kruzifix sich gut sichtbar für die Gemeinde, das versammelte Volk Christi auf dem Altar oder in dessen Nähe befinden.
Das Altarkreuz, das heute fest auf dem Altar steht, geht auf das Vortragekreuz zurück. Dieses wurde ursprünglich zum Einzug in die Kirche vorangetragen und dann am Altar aufgestellt.
In unserer Johanneskirche in Partenkirchen haben wir im Grunde genommen zwei Altarkreuze. Das Kruzifix, das ursprünglich zum alten Altar gehört hat, ist ein Kreuz mit einem lebensgroßen Jesus daran. Das Kruzifix ist immer ein Kreuz, an dem Jesus Christus fixiert ist. Wir sehen bei einem Kruzifix immer den gekreuzigten Jesus. Dieses Kreuz hängt heute nun von der Decke herab, so dass es jede und jeder sofort sehen kann. Das alte Altarkreuz bestimmt den Blick in unserer Kirche. Wie auch die Menschen damals in Jerusalem müssen wir heute bei uns in der Johanneskirche nach oben ans Kreuz schauen, also zu Jesus emporschauen. Das ist ein anderer Blick, eine andere Haltung und dann werden wir ganz überrascht sein, dass sein Gesicht nicht so schmerzverzerrt aussieht, wie wir es eigentlich erwarten würden.
Das neue Altarkreuz, das auf dem neuen Altar steht, deutet dahingegeben die Kreuzigung nur dezent durch die Kreuzesnägel an. Dieses Kreuz ist damit ein sogenanntes Auferstehungs- oder Osterkreuz. So haben wir bei uns in der Johanneskirche zwei unterschiedliche theologische Akzente, die mit den beiden Altarkreuzen verbunden sind. Steht beim alten Altarkreuz, dem Kruzifix das Leiden Jesu im Mittelpunkt, steht beim neuen Altarkreuz, das neue Leben, das uns durch die Auferstehung Jesu geschenkt wurde, im Mittelpunkt. Im Zentrum steht nicht das Leiden, sondern die frohe Osterbotschaft.
Das Kreuz auf oder am Altar erinnert uns daran, dass es um alle Dimensionen unseres Lebens geht und am Ende auch immer darum, welche Beziehung wir zu Gott haben. Es gibt eine sehr schöne Deutung der Symbolik des Kreuzes. Der Querbalken des Kreuzes symbolisiert die Trennung von Gott und Mensch. Diese Trennung hat der Mensch verschuldet, weil er gegen Gott rebelliert hat, sich von ihm entfernt hat. Das ist das, was wir heute ja immer wieder erleben. Der senkrechte Balken des Kreuzes hingegen symbolisiert die wiederhergestellte Verbindung und damit Beziehung zwischen Mensch und Gott. So gesehen vereinen sich unterm Kreuz alle Menschen. Sie kommen genau an dem Punkt zusammen, an dem Querbalken und senkrechter Balken miteinander verbunden sind. Das Altarkreuz stellt uns daher immer auch die Beziehungsfrage zu Gott und meinem Nächsten.
Pfr. Martin Dubberke